Türe 1 – Die Müdigkeit
Die erste Tür war die unauffälligste und damit die unerbittlichste. Müdigkeit trägt selten ein Kostüm. Sie fordert keine besondere Symbolik.
Sie ist in ihrer tiefsten Form weder Pathos noch Schwäche, sondern eine Art körperlicher Einspruch. Ein Organismus, der sich nicht länger ganz dafür hergeben will, ein Leben ohne Maß zu tragen.
Nora und Emil waren lange der Vorstellung gefolgt, Müdigkeit sei etwas Technisches. Zu wenig Schlaf, zu viel Arbeit, zu viele Termine, zu wenig frische Luft, zu viel Bildschirmlicht, zu wenig Magnesium, zu viel Kaffee, zu spät gegessen, zu früh aufgestanden.
All das war nicht falsch. Und doch lag in dieser technischen Sichtweise eine feine Form der Verharmlosung. Denn Müdigkeit ist nicht nur ein Rechenfehler des Lebensstils. Sie ist oft die Körpersprache eines Daseins, das sich selbst über längere Zeit missachtet hat.
Es gibt Menschen, die müde werden, weil sie viel tragen. Und es gibt Menschen, die müde werden, weil sie sich ununterbrochen gegen das stemmen, was in ihnen eigentlich gespürt werden will. Nora gehörte zu den Letzteren ebenso wie Emil, nur auf andere Weise. Sie trug Müdigkeit wie eine Niederlage und versuchte deshalb, ihr mit Disziplin zuvorzukommen. Er trug Müdigkeit wie Wetter und ließ sich von ihr weich in die nächste Ablenkung treiben.
Keiner von beiden ruhte sich wirklich aus. Die eine kämpfte gegen ihre Erschöpfung. Der andere wickelte sie in Gewohnheit.
Die Tür der Müdigkeit stellte sie nicht einfach in einen ruhigen Raum. Sie stellte sie in die Erkenntnis, dass Erschöpfung nicht bloß bedeutet, dass Energie fehlt. Sie bedeutet oft, dass Sinn, Rhythmus und Selbstkontakt über längere Zeit beschädigt wurden.
Wer morgens mit Widerstand aufwacht, nicht ausnahmsweise, sondern regelmäßig, dessen Körper versucht nicht immer, „mehr Energie zu brauchen“. Vielleicht versucht er auch nur mitzuteilen, dass er nicht länger ein Leben absichern will, das ihn systematisch übergeht.
Müdigkeit ist die höflichste Form des Protests. Sie kommt, bevor der Kollaps kommt. Sie bittet, bevor sie fordert. Sie senkt Farben, verlangsamt Freude, dämpft Begehren, beschwert die Glieder, macht selbst kleine Entscheidungen unerquicklich. Sie ist deshalb nicht der Feind, sondern die erste ehrliche Botin.
Viele Menschen hassen sie dafür. Sie nennen sie Schwäche, Lähmung, Defizit. Sie versuchen, sie zu überstimmen. Doch Müdigkeit wird nicht kleiner, wenn man sie beschämt. Sie wird nur hinterhältiger.
Nora spürte in diesem Raum vielleicht zum ersten Mal, dass ihre Erschöpfung nicht zufällig war, sondern biografisch logisch. Emil begriff vielleicht, dass seine beständige Schlappheit nicht Ausdruck eines gemütlichen Wesens war, sondern die Sedimentschicht vieler ungefühlter Tage.
Beide mussten anerkennen, dass sie ihr Leben so lange in einem Modus der Kompensation geführt hatten, bis Kompensation ihre eigentliche Persönlichkeit zu werden drohte.
Die Türe der Müdigkeit lehrte sie deshalb nicht, wie man früher schlafen geht. Sie lehrte sie, dass man sich nicht ausruhen kann, solange man mit seinem Leben noch im Krieg steht. Ruhe ist nicht nur eine Maßnahme. Sie ist ein Verhältnis. Wer ständig gegen sich selbst organisiert ist, erlebt selbst Schlaf oft nur als Reparatur, nicht als Heimkehr.
Als sich die erste Tür hinter ihnen schloss, waren sie nicht weniger müde. Aber ihre Müdigkeit hatte zum ersten Mal Würde bekommen. Sie war kein peinlicher Defekt mehr. Sie war eine Wahrheit.
